Am
28.8.2008 (…was für ein Datum!) brachen Christopher und ich
auf, um unsere Schlappe vom letztjährigen „Stezkou Vlka"
vergessen zu machen. Zwar war Mario Formanek aus familiären
Gründen diesmal zu Hause geblieben, dafür aber begleiteten
uns mein zweitältester Sohn Daniel sowie – als Teamfotograf
– unser Schwieger- respektive Großvater Karl Zelinka.
Wieder sollte uns dieses Dogtrekking-Rennen durch das
tschechisch-polnische Grenzgebirge im Bereich des Flusses Desna
führen, eine romantische Gegend, wie geschaffen für weite
Wanderungen. Aufgrund diverser Auflagen der zuständigen
Forstbehörden musste der Trail allerdings diesmal
ungewöhnlich geführt werden. Zwar war der Asphaltanteil
relativ gering, der Längenunterschied zwischen erster und zweiter
Tagesetappe jedoch enorm: Am Freitag waren knappe 60, am Samstag
hingegen nur 25 Kilometer zurückzulegen. Die Gesamtlänge
entsprach damit zwar einem üblichen Dogtrekking, allerdings
fällte der erste Tag die Entscheidung über Durchkommen oder
Ausscheiden, vor allem, da der „Pfad des Wolfes“ nicht
durch Flachland, sondern durch Mittelgebirge führte und damit
insgesamt 2660 Höhenmeter aufwies.
Im
Laufe des Nachmittags trafen alle Teilnehmer ein. Viele bekannte
Gesichter waren dabei, besonders freuten wir uns natürlich
über die deutschsprachige Verstärkung in Gestalt von Susanne
und Klaus Karl (Malamute-Musher, die wir bereits beim Dachstein
Dogtrekking kennenlernen durften) sowie Kai Thurau, die als deutsche
Abordnung quasi das Gegenstück zu uns drei österreichischen
Dogtrekkern bildeten.
Nach
einem gemütlichen Abend und der Trekkerbesprechung gingen wir alle
verhältnismäßig früh schlafen, wussten wir doch
mittlerweile, was uns am nächsten Tag erwarten würde.
Der
Start erfolgte bewusst früh (zwischen sechs und sieben Uhr), war
doch diese erste Tagesetappe ungewöhnlich lang und laut Vladimir
Paral, dem Organisator, war damit zu rechnen, dass nur etwa ein Drittel
der Starter das Rennen wirklich regulär beenden würden.
Das
Wetter war (vor allem für die Hunde) beinahe ideal, es war
trocken, aber kühl, die Sonne zeigte sich nur zaghaft und erst um
die Mittagszeit zogen die Temperaturen etwas an – allerdings
waren viele Dogtrekker zu dieser Zeit bereits auf 1000 Metern und mehr
Höhe unterwegs, was diesen Temperaturanstieg egalisierte.
Christopher
(mit Chester) und ich (mit Ronja) überholten einige der vor uns
gestarteten Teams bereits auf den ersten 24 Kilometern bis zum
Checkpoint 1. Dieser musste spätestens um 13 Uhr angelaufen
werden, damit man in der Wertung zu blieb, wir erreichten ihn bereits
zwei Stunden früher. Frisch mit Tee und Schmalzbrot gestärkt,
überwanden wir auf den nächsten 13 Kilometern etwa 850
Höhenmeter Aufstieg, wobei Christopher allerdings knapp hinter
einem anderen, sehr erfahrenen Dogtrekker davonziehen konnte und ich
mich alleine durch den Wald schlug, der im Verlaufe dieses Anstiegs
sehr verwachsen und abenteuerlich zu durchqueren war: Tümpel
mussten umgangen, umgeknickte Baumriesen überwunden und einige
heftige Steigungen bezwungen werden.

Nach
diesem düsteren, verwachsenen Teilstück erwartete uns eine
sumpfige Hochebene, die durch den herrschenden dichten Nebel regelrecht
gespenstisch wirkte. Auf ihr passierte mir ein entscheidender Fehler:
Ich achtete aufgrund meiner Geschwindigkeit (ich lief auf dem Weg recht
flott drauf los) nicht genug auf die Wegmarkierungen und nahm dadurch
eine falsche Abzweigung. Dies kostete mich etwa eine dreiviertel Stunde
und die Chance, Christopher an diesem Tag je wieder einzuholen.
Nach
einem langen Abstieg über eine geschotterte Forststraße
gelangte ich etwa um 15.30 Uhr zum Checkpoint 2, der vor einer
hübschen Kapelle etwa bei Wegkilometer 44 errichtet worden war.
Bis dahin waren meine Wasserreserven bereits deutlich im Schwinden
begriffen, nicht ganz ein halber Liter musste für die letzten 15
Kilometer ausreichen. Dieser „Endspurt“ zog sich allerdings
durch die Anstrengungen der vorangegangenen Stunden, den Wassermangel
sowie einige steile Anstiege deutlich und erst um etwa 19.15 Uhr
erreichte ich – mittlerweile in starkem Regen – den
Biwakplatz.

In
der dortigen Hütte erwartete mich nicht nur Christopher, sondern
auch ein eiskaltes Kofola (nein, falsch, es waren mehrere) und eine
köstliche Bohnensuppe. Auch Daniel und Kai waren bereits
eingetroffen, sie hatten bei Kilometer 44 respektive 50
verletzungsbedingt aufgeben müssen. Die Hunde wurden versorgt und
durften sich unter der Terrasse der Hütte zu einem Nickerchen
ausstrecken. Anschließend errichteten wir unser Biwak und setzten
uns wieder in die Gaststube, wo es nicht nur trocken und hell, sondern
auch durchaus gemütlich, kulinarisch interessant und musikalisch
ergiebig war – vor allem, nachdem einer der Organisatoren und ich
uns ein Gitarrenduell erster Güte (und unglaublicher Länge)
zu liefern begonnen hatten. Im Verlaufe des Abends trafen auch Susanne
und Klaus ein, die sich – erprobte Musher, die sie sind –
weder durch Kälte, Regen noch Dunkelheit vom selbstständigen
Erreichen des Biwakplatzes abhalten ließen. Viele
Vernünftige gingen rechtzeitig schlafen, einige weniger
Vernünftige sangen und plauderten bis in die Morgenstunden. Auch
ich schlüpfte erst um etwa 3.15 Uhr in meinen Biwaksack, den ich
bereits drei Stunden später wieder verlassen musste. Zwar war der
Start an diesem Samstag erst zwischen acht und neun Uhr angesetzt,
allerdings wollte ich noch rechtzeitig frühstücken, um beim
Laufen nicht aufgrund eines vollen Magens gehandicapt zu sein. Auch
hatte ich das Liegen im nicht allzu bequemen Biwaksack satt.

Klaus,
Christopher und ich setzten mit unseren Hunden also den Weg zurück
nach Loucna nad Desnou (dem Ausgangsort der Tour) fort, die anderen
wurden etwas später per Auto zurückgebracht. Es war warm an
diesem Vormittag, nach dem abendlichen und nächtlichen Regen hatte
es aufgeklart und die Sonne lachte von einem harmlos bewölkten
Spätsommerhimmel auf uns herab. In lockerem Trab legten wir flott
mehrere Kilometer auf einer Straße zurück, auch wenn
Christopher schon bald wieder vorauslief und so auch diese Tagesetappe
von uns beiden in individuellem Tempo allein gemeistert wurde. Im
Gegensatz zu meinem Sohn gönnte ich mir am Checkpoint 3 eine
Spezialität des dortigen Gasthauses: einen halben Liter
Kirschbier. Klaus musste an dieser Stelle allerdings aufgeben, zu
mitgenommen waren leider manche seiner Gelenke noch vom Vortag.
Durch
abwechslungsreiche Gegenden – Weiden, Wälder, felsige,
steile Steige und Forststraßen – trabten wir
anschließend unaufhaltsam und ohne Umwege dem Ziel entgegen, das
wir (Christopher etwa eine dreiviertel Stunde vor mir) kurz nach Mittag
erreichten.
Im
Ziel versorgten wir wiederum die Hunde, dann uns (eine Dusche und
frische Kleidung können manchmal Wunder wirken) und
anschließend gingen wir Deutschsprachigen ins nahe liegende Lokal
gemütlich etwas essen. Auch für die vierbeinigen Athleten gab
es einen kulinarischen Höhepunkt: eine große
Futterverkostung.
Erst
in der beginnenden Dämmerung trafen die letzten Teams im Ziel ein
und bald darauf schritt man zur Siegerehrung: Tatsächlich waren
etwa zwei Drittel der Dogtrekker nicht oder nur unter Verletzung der
Zeitlimits zu Fuß im Ziel angekommen. Trotzdem waren alle an ihre
Grenzen gegangen, hatten gelernt, genossen und gelitten. Jeder
Teilnehmer ging schwer bepackt nach Hause, die Sponsorgeschenke waren
reichlich.
Abschließend
traf man sich noch im Restaurant am nahen Fischteich um bei Live-Musik,
Tombola und jeder Menge – mehr oder minder gesunder –
Getränke zu feiern, sich auszutauschen, das Erlebte Revue
passieren zu lassen oder einfach Spaß zu haben. Internationaler
Höhepunkt war sicher Kais Elvis-Imitation mit mir an der Gitarre
und der Band (bestehend großteils aus knorrigen Mushern). Auch
dieser Abend wurde lang und am nächsten Morgen fiel nicht nur der
Abschied schwer.
Das
Schönste aber war, dass Christopher und ich die Herausforderung
dieses wirklich außergewöhnlich schwierigen Rennens diesmal
gut gemeistert hatten.